Phantomschmerzen

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  • #4074

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Meinem Klienten (45-jährig) musste vor fast 28 Jahren sein Bein amputiert werden. Es wurde damals eine sehr aggressive, schnell wachsender Krebserkrankung festgestellt. Er ging zu der Zeit wegen Beinschmerzen zum Arzt, kurz darauf wurde das Bein amputiert, er hatte gar keine grosse Zeit, sich überhaupt mit dem Gedanken auseinander zu setzen. Er hat sich dann irgendwie damit arrangiert. Hat gelebt, wie wenn der das Bein noch hätte und sehr viel Wert auf Äusserlichkeiten und sein Erscheinungsbild gelegt.

    Der Klient ist seit Februar bei mir in Behandlung, ursprünglich vor allem wegen Bluthochdruck und damit verbundener Ungeduld. Was sich ebenfalls immer wieder als Thema zeigt sind Beschwerden im unteren Rücken, vor allem weil seine Prothese natürlich auch die Struktur beeinflusst.

    Seine Lebensweise hat sich schon vorher zu verändern begonnen, weg vom Äusseren, etwas mehr Fokus auf sich selber (vor allem mit verschiedenen Körpertherapiemethoden und Massage). Von Zeit zu Zeit, scheint mir, schaut er auch bei seinem amputierten Bein genauer hin und es wird für ihn zum Thema (neben den physischen Beschwerden, die damit einhergehen und ihn seit Jahren begleiten).

    Jetzt hat er mir berichtet, dass die Phantomschmerzen in seinem Bein häufiger auftreten (ca. seit November letzten Jahres). In der ersten Zeit nach der Operation verspürte er sie oft und sein Bein war auch noch sehr real vorhanden. Dann gab es eine Phase, in der sie ganz selten noch auftraten. In den letzten Jahren dann wieder vermehrt, so 2 mal im Jahr, jetzt bis zu 4 mal. Scheinbar sei das ein Phänomen, dass mit fortschreitendem Alter auch diese Schmerzen wieder zunehmen würden.

    Die Schmerzen äussern sich bei ihm am amputierten Bein vor allem am Übergang der Zehen zum Fuss. Wie wenn sie unter starkem Strom stünden. Physische Bewegung tut ihm dann gut wie herumgehen, etc. Auch Bewegung des amputierten Fusses mit Hilfe seiner Vorstellungskraft helfen ihm dieses Gefühl abzuschütteln.Manchmal sind die Schmerzen so stark, dass der ganze Körper kurz unkontrolliert zuckt. Die Attacken treten bis jetzt immer nachts auf, so zwischen 23’30 und 01’00. Normalerweise dauern sie ein paar Stunden, ganz selten bis hinein in den anderen Nachmittag. Immer aber ist er nach einer solchen Attacke völlig ausgelaugt.

    Er hat ebenfalls bemerkt, dass solche Schmerzattacken oft auftreten nachdem er Entzündungen am Beinübergang zur Prothese, kalt, oder Fieber hatte. Jetzt war das gerade wieder der Fall da er eine neue Prothese erhielt, jedoch mit Entzündung allergisch auf die innwendige Beschichtung reagierte.
    Für ihn selbst ist sein Bein nach wie vor präsent. Er kann, wie schon erwähnt, seine Zehen bewegen, den Fuss bewegen und auch das Bein äusschütteln.

    Wenn ich mit dem Klienten arbeite ist das Bein auch für mich präsent. Ich könnte nicht in die „Lücke“ knien, ich hätte das Gefühl ich knie auf seinem Bein. Bis jetzt habe ich mich aber nicht getraut, mit dem Raum zu arbeiten. Ich hab ihn einfach sein lassen, nicht ignoriert, aber auch nicht bewusst integriert oder damit gearbeitet. Ebenfalls ist das Gefühl da, wenn ich unten an seinem Fuss arbeite, ich könnte auch den amputierten Fuss in die Hände nehmen und ihn halten.

    Drum, wer hat Erfahrung mit solcher Arbeit?

    Würde eine bewusste Arbeit mit dem amputierten Bein die Phantomschmerzen verstärken?

    Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass diese Schmerzen durch Energieblockaden entstehen und wenn ich dann bewusst mit dem Raum arbeiten würde, könnte sich diese Energie bewegen. Nur, habe ich keine Erfahrung in der Beziehung und ich möchte nicht einfach etwas ausprobieren. Ich frage mich eben auch, ob, wenn ich nicht bewusst mit dem Raum arbeite, dies gerade diese Energieblockaden kreieren kann.

    Ich würde mich riesig freuen, wenn ich mit Eurer Hilfe hier etwas weiter käme.

    Herzlich
    Ursula

    #4223

    Liebe Ursula,

    da ich selber keine Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen habe, denen eine Extremität amputiert wurde, habe ich deine Frage an die anderen Lehrer des Forums weiter geleitet. Leider hat jedoch bisher niemand deine Frage beantwortet. Wahrscheinlich liegt das daran, dass unter den von mir angesprochenen Personen niemand bisher selber solche Erfahrungen machen konnte. Darum will ich dir jetzt antworten, was mir dazu einfällt.

    Wenn es diesem Mann so geht, dass er eine ganz lebendige Beziehung zu seinem Bein hat, es bewegen und ausschütteln kann, dann ist das Bein nicht nur in der Einbildung dieses Menschen dort, sondern sehr real (wenn auch nicht materiell). Aus diesem Grund sollte man so arbeiten, als läge das Bein physisch dort. Dein Gefühl, dort nicht hinzuknien ist also sehr verlässlich.

    In den Kursen mit mir hast du oft erfahren, wie man mit dem energetischen Raum arbeiten kann. Diese Techniken kannst du jetzt anwenden. Die Wahrnehmung im energetischen Raum sollte in diesem Fall genauso funktionieren wie bei einem physisch vorhandenen Bein, und es sollten auch energetische Muster wahrnehmbar sein. So kannst du einen sehr zuverlässigen Eindruck z.B. von den Orten erhalten, in denen er den Schmerz in seinem Bein verspürt.

    All die energetischen und Inneren Techniken, die du kennst kannst du hier wahrscheinlich mit Gewinn einsetzen. Von deinem Klienten wirst du rasch Feedback erhalten, ob deine Arbeit wirklich sein Bein berührt oder ob nicht.

    Es ist natürlich nicht völlig auszuschließen, dass deine Arbeit die Häufigkeit der Schmerzattacken dieses Mannes vorübergehend verstärkt. Es ist aber recht unwahrscheinlich; und wenn, dann wäre es als ein Hinweis darauf, dass deine Arbeit etwas bewegt, positiv zu sehen. Ich würde dies mit dem Mann besprechen und mit seiner Erlaubnis mit ihm und seinem Bein weiter arbeiten.

    Mich interessiert sehr, wie deine Arbeit mit diesem Menschen weiter geht. Bitte halte uns über das Forum auf dem Laufenden!

    Liebe Grüße,

    Wilfried

    Beitrag geändert von: Wilfried_R, am: 2008/09/28 18:08

    Beitrag geändert von: Wilfried_R, am: 2008/09/28 18:12

    #4225

    Christiana Helth

    Teilnehmer

    Hallo liebe Ursula,
    ich bin seit 14 Jahren Shiatsulehrerin und seit 20 Jahren Therapeutin, u.a. Physitotherapeutin. Dein beschriebener Fall ist keine Seltenheit und ich durfte schon viele Erfahrungen mit Phantomschmerzen sammeln.
    Gehe ruhig auf das fehlende Bein ein, als wäre es ganz normal sichtbar. Bei akuten Schmerzen hilft am besten langes Ausstreichen bis zu den Zehenspitzen runter. Wenn Du die \”Yin-Yang Streichung\” kennst, die balanciert am besten.
    Du kannst ruhig auch die Meridiane an diesem Bein behandeln. Diagnostiziere zunächst die entsprechenden Meridiane, die die Schmerzen etc. verursachen. Danach behandle sie auch am fehlenden Bein.
    Das Ganze ist eine sehr energetische Arbeit und der Patient wird Dir sehr dankbar sein!
    Das Wichtigste und zugleich die größte Kunst ist die tiefgründige Diagnose!
    Ich hoffe, Dir weitergeholfen zu haben. Falls Du Fragen hast, dann schreibe mir einfach!
    Herzliche Grüße von
    Christiana Helth

    #4226

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Lieber Wilfried

    Danke für Deine Antwort. Sie hilft mir weiter in der Betrachtungsweise dieses Klienten. Ich werde sicher nochmals eingehender mit ihm über dieses Thema sprechen und fühle mich unterstützt von Deinem und Christianas Beitrag.

    Herzliche Grüsse

    Ursula

    #4227

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Liebe Christiana

    Danke für die wertvollen Hinweise. Obschon es scheinbar keine Seltenheit ist, findet sich doch nur ganz spärlich Literatur dazu, schon gar nicht Shiatsuliteratur. Dort findet sich am ehesten noch etwas über Brustkrebs bei Frauen. Beim Studieren hab ich mir dann auch Gedanken gemacht, warum es für mich einen Unterschied macht ob ein Bein oder eine Brust amputiert ist. Bei der Brustamputation stellt sich die Frage irgendwie gar nicht ob ich damit arbeiten möchte oder nicht… schon komisch, oder?!

    Die Yin-Yang-Streichung kenn ich so nicht. Wäre es möglich, mir diese kurz zu erläutern?

    Nun bin ich etwas weiter und sehe mich in meinen Gedanken gestärkt unterstützend mit diesem Bein zu arbeiten. Die Phantomschmerzen waren seit dem ersten Ansprechen nun immer wieder Thema, sind sie doch wenn sie auftreten (oder auch schon nur die \”Angst\” sie könnten fleissiger auftreten) eine erhebliche Beeinflussung seiner Lebensqualität.

    Herzliche Grüsse
    Ursula

    #4228

    Helga Krimphove

    Teilnehmer

    Liebe Ursula!
    Auch ich hatte von Wilfried die Bitte erhalten, gegebenenfalls auf deine Anfrage zu antworten. Aber leider finde ich erst jetzt die Zeit dafür.
    Ich möchte dich einfach noch einmal unterstützen in deinem Vorhaben, mit dem amputierten Bein zu arbeiten. Wie ich aus der Antwort von Wilfried ersehe, hast du ja durchaus Wissen und wahrscheinlich auch Erfahrungen. Also belaste dich nicht weiter mit der Idee, das du \”experimentieren\” würdest. Deine Wahrnehmung des Beines ist vorhanden; lass dich vom Ki führen, wie du es gewohnt bist!
    Ich wünsche dir wirklich viel Erfolg dabei – nutze dieses Geschenk solch eine Erfahrung machen zu dürfen.
    Und vielen Dank auch überhaupt für diese deine Anfrage, denn in jeder Praxis kann ein Mensch mit einer Amputation erscheinen!
    liebe Grüße von Helga K.

    #4229

    Barbara Brüggmann

    Teilnehmer

    Liebe Ursula,
    ich bekam deine Anfrage über Wilfried und wolte spontan mit dir in
    Kontakt treten, weil ich zum einen selbst einen Freund habe, der gerade
    unter dem Schock gesetzt wurde, dass er so einen schnell wachsenden
    Weichteilkrebs hätte und ihm der Verlust eines Beines droht.
    Nun sieht man an deinem Patienten, dass damit nur ein Teil des Problems
    gelöst ist, nämlich die Angst vor oder die reale Ausbreitung von kranken
    Zellen.

    Ich fand deine Schilderung, wie du das amputierte Bein ja behandeln
    könntest und ganz bewußt den Raum, den das Bein energetisch einnimmt,
    wahr nehmen kannst, sehr berührend.

    Ich habe nun selbst keine Person mit amputierten Gliedmaßen auf der
    Matte gehabt. Kenne mich aber mit Fernbehandlungen im Shiatsumodus
    inzwischen ganz gut aus, die Behandlung findet genau so statt, wie du es
    schilderst, man berührt off-the-body. Die Wirkung ist immer wieder
    erstaunlich. Manchmal vielleicht stärker, als wenn der Mensch da liegt,
    weil die Aufmerksamkeit zwangsläufig feinstofflicher ist.

    Ich hoffe, dass ich dir hiermit ein bisschen Bestätigung übermitteln
    konnte, dass dein Ansatz sehr erfolgversprechend und höchst sensibel ist.

    Gruß aus Hamburg von Barbara Brüggmann

    #4230

    Peter Krainer

    Teilnehmer

    liebe ursula,

    bei phantomschmerzen und prothese habe ich schon ein paar mal (ca. 5x) gute erfahrungen damit gemacht, einfach die prothese mitzubehandeln; dies war für die patienten angenehm/erleichternd und linderte die \”schmerzen\”.
    bei allen nerv-schmerzen muss man bedenken, dass die fälle stets sehr individuell sind und es keine allgemeine rezepte gibt – dem einen tut´s gut, dem anderen schlecht. hier gibt es nur \”try and error\”.

    ich würde mir keine allzu großen sorgen machen, dass seine panthomschmerzen sich steigern könnten. kein mensch kann objektiv sagen, was diese schmerzen überhaupt verursacht geschweige denn was sie besser könnte. die frage ist wie man dem patienten in seiner situation unterstützen kann. und das scheinst du ja bereits zu tun – also nur zu!

    und nur weil ich nicht \”im freien raum\”, sondern an der prothese arbeite, (weil mir das persönlich fremd ist) bedeutet nicht, dass du das nicht kannst oder solltest – tu es einfach!

    grüße,
    peter krainer

    #4231

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Liebe Barbara

    Danke für Deine Ideen. Wie Du richtig bemerkt hast ist mit einer Amputation tatsächlich nur ein Teil des Problems gelöst. Bei meinem Klienten ist die Amputation nun schon fast 30 Jahre her. Aber, erst seit ungefähr 5 Jahren traut er sich wirklich ganz zu seinem amputierten Bein zu stehen. Vorher hat er alles getan um als \”normal\” zu gelten und es so gut wie möglich zu kaschieren, was er jetzt manchmal bedauert. Gerade seine immer wiederkehrenden Rückenschmerzen schreibt er dem zu, dass er teils sehr rücksichtslos mit sich selbst umgegangen ist. Deinem Freund wünsch ich Kraft achtsam mit sich selbst umzugehen, unterstützend wirkst ja Du bereits.

    Herzliche Grüsse
    Ursula

    #4232

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Lieber Peter

    Danke auch Dir herzlich für Deinen unterstützenden Beitrag. …eben gerade das \”try and error\” wollte ich ausschliessen…. aber letztendlich läuft es ja bei einigen Klienten doch darauf hinaus. Energie ist nur zu einem bestimmten Teil \”steuerbar\”, wie das System des Klienten darauf reagiert und was es damit macht ist wohl immer zu einem minimen Teil unvorhersehbar. Es wäre ja ziemlich arrogant zu glauben, gerade wir kleinen Teile des Universums seien dazu in der Lage <img loading=” title=”Wink” />

    Drum freu ich mich bereits darauf meinen Klienten das nächste Mal zu sehen und getragen von all Euren wertvollen Beiträgen ihm meine Unterstützung weiterzugeben, versetzt mit frischem Wind und Vertrauen in diese kraftvolle Arbeit.

    Herzliche Grüsse
    Ursula

    #4241

    Ursula Padovan

    Teilnehmer

    Liebe Kolleginnen und Kollegen

    Ich möchte mich hiermit nochmals herzliche bedanken für die vielen wertvollen Impulse, welche ich in Bezug zu diesem Klienten erhalten habe. Sie ermöglichten mir ein freieres Herangehen.

    Der Verlauf ist sehr schön. Nachdem ich konkret angefangen habe mit dem amputierten Bein zu arbeiten (vorallem off body sei\’s meridianbezogen oder meridianfrei), veränderte sich nochmals sehr viel. Zum einen wurden die Phantomschmerzen deutlich weniger, das heisst seit Dezember war er in dieser Beziehung schmerzfrei, zum anderen veränderte sich auch deutlich das Bild seiner Rückenschmerzen. Auch diese wurden weniger oder wenn, dann weniger hartnäckig. Zudem wirkt er viel stabiler, ruhiger und durchlässiger.

    Für mich selbst war es extrem befreiend nicht mehr darauf achten zu müssen ob ich jetzt mit diesem Bein arbeiten wollte oder nicht, ich tat es einfach wie ich es mit jedem anderen Klienten auch tue. Im Verlaufe der Zeit bestätigte sich für mich auch meine Idee, dass sich auch bei amputierten Gliedmassen Energie blockieren kann. Ich habe sehr stark den Eindruck, dass es gerade da nötig ist zu arbeiten weil sie durch die Amputation ganz plötzlich nicht mehr in \”kanalisierten Bahnen\” verläuft, schwallartig \”aus dem physischen Körper\” austritt und sich \”verheddert\”. Na ja, vielleicht ist das ein wenig weit her geholt, aber für mich eben wieder so ein diffuses und zugleich präsentes Gefühl.

    Drum möchte ich allen Mut machen, die an Klienten mit amputierten Gliedmassen gelangen, achtsam aber stetig mit dieser Kraft zu arbeiten.

    Ich bin sehr dankbar, dass dieser Klient es mir ermöglicht hat, all diese Erfahrungen zu machen. Ich bin auch immer wieder sehr bewegt über den Weg den ich mit ihm gehen darf. Da ist soviel lebensbejahende und positive Kraft vorhanden, die ihn langsam aber sicher seinen Weg gehen lässt.

    Drum Euch allen nochmals meinen liebsten Dank für Eure Unterstützung 😆

    Herzlich,
    Ursula

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