versteckte psychische Probleme / Suizid

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  • #19857
    Monika
    Teilnehmer

    Liebe Alle

    Ich möchte in die Runde fragen, ob ihr mit dem Thema Suizid oder Suizidgedanken in Berührung gekommen seid.

    Auf Grund eines aktuellen Suizides von einem Klienten von mir (18 Jahre alt), beschäftigt mich das Thema gerade sehr. Es war in seinem Umfeld wie auch in den Shiatsu-Sitzungen (er war 4x bei mir) nicht erkennbar, dass er eine grosse innere Not hatte und die Absicht sich das Leben zu nehmen. Vielleicht war es auch eine Affekthandlung. Mein Anliegen bezieht sich nicht auf dieses Ereignis, sondern auf zukünftige Behandlungen und Begegnungen mit KlientInnen.

    Wann wäre es zum Beispiel sinnvoll nach Suizidgedanken zu fragen? Macht ihr das oft, eher selten oder nie?
    Was könnten versteckte Hinweise sein, dass ein Mensch Suizidgedanken hat?

    Vielen lieben Dank und herzliche Grüsse
    Monika

    #19868
    Wulf
    Teilnehmer

    Liebe Monika

    Leider ist dieses Thema gerade um diese Zeit des Jahres besonders aktuell. Meiner Erfahrung nach kann man in einen Menschen nicht einfach so hinein blicken. Oftmals wirken Personen, die sich mit derartigen Gedanken befassen nach außen recht unauffällig. Von daher kann man meiner Meinung nach niemandem einen Vorwurf machen, ein derartiges Vorhaben bei einem anderen Menschen nicht erkannt zu haben!

    Hätte ich allerdings den Verdacht, würde ich es schon ansprechen. Ich würde wohl nicht direkt fragen „Möchtest du dich umbringen?“ Wobei, vielleicht immer noch besser als nichts zu sagen. 🙂

    Eher in der Art „Ich habe das Gefühl, dass du auffallend gleichgültig / traurig / … bist.“ – oder was mir bei der Person aufgefallen ist. Vielleicht sind es ja auch Äußerungen gewesen, wie „Das hat eh alles keinen Sinn mehr!“ Und ich würde dann aktiv ein Gespräch anbieten. Und, meiner Meinung nach besonders wichtig – eine Kontaktstelle anbieten. In Österreich gibt es hier bundesweit tätige Organisationen wie Telefonseelsorge, ein entsprechender Dienst bei Polizei und Rettung und Landesweit operierende Institutionen. Damit hat der oder die Betroffene die konkrete Möglichkeit ein Gespräch zu suchen wenn ihnen zum Beispiel das Shiatsu Setup dafür nicht geeignet scheint.

    Was man nicht machen sollte ist, über konkrete Suizide anderer zu sprechen. Warum…?

    In Österreich – und das sieht in D und CH sicher ähnlich aus – ist die Selbstmordrate über das Jahr verteilt sehr konstant, mit einem leichten Anstieg vor und um Weihnachten. Wenn allerdings in den Medien über einen Suizid berichtet wird, gibt es kurz danach einen merkbaren Anstieg an Suiziden. Je prominenter die jeweilige Person war, und vor allem je detaillierter darüber berichtet wird, desto höher ist dieser Anstieg, weil es Menschen den sich mit entsprechenden Gedanken tragen die Möglichkeit gibt sich mit der Person zu identifizieren (Familienvater, 2 Kinder, arbeitete im öffentlichen Dienst, wie und wo genau der Suizid begangen wurde etc.). Man nennt dies den „Werther Effekt“ (angelehnt an das Buch „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe). Deswegen wird in den Medien nur sehr selten über Suizide berichtet, und wenn dann werden kaum Details genannt. Aus diesem Grund spreche ich auch mit Klient:innen und Menschen in meinem Umfeld kaum über derartige Events. Wie gesagt, man kann nicht in Menschen hineinschauen…
    Jetzt könnte man sagen, gut dieser Anstieg an Suiziden nach einer entsprechenden Berichterstattung bedeutet nur, dass sich ein paar Menschen früher dazu entschlossen haben, die es sowieso gemacht hätten. Dann müsste es danach einen leichten Ausschlag nach unten geben. Interessanterweise ist das nicht der Fall. In der Statistik sind das tatsächlich zusätzliche Suizide!

    ABER dem kann man auch entgegenwirken indem man Kontakt- und Hilfsstellen nennt. Aus diesem Grund steht am Ende jeder entsprechenden Berichterstattung ein passenden Verweis…

    „Bei Bedarf wenden sie sich an …“

    Diesen gegenteiligen, ausgleichenden Effekt zum „Werther Effekt“ nennt man übrigens „Papageno Effekt“.

    Bei entsprechend guten Hinweisen kann dieser Papageno Effekt sogar stärker sein als der Werther Effekt, sodaß letztendlich tatsächlich weniger Suizide ausgeführt werden als aufgrund der gleichmäßigen Verteilung über das Jahr zu erwarten wären. Und das ist auch der Grund warum um diese Jahreszeit so oft Plakate zu sehen und entsprechende Hinweise in den Medien geschalten werden!

    Im Übrigen zahlt es sich immer aus auf eine KONKRETE, AKUTE Situation wie Ankündigungen, Abschiedsbriefe etc. zu reagieren, in der Hoffnung den oder die Betroffene rechtzeitig zu finden. Oftmals hört man Menschen sagen: „Auch wenn man jemand während eines tatsächlichen Suizidversuches retten kann, dann macht er oder sie es halt ein paar Wochen später.“ Aber das stimmt so nicht. 60% aller, die einen Suizidversuch überlebt haben (also rechtzeitig gefunden wurden oder einfach nicht „erfolgreich“ damit waren etc.) probieren es nie wieder!

    Fazit (aus meiner Sicht):
    – bei Verdacht ansprechen – behutsam und ehrlich
    – Gespräch anbieten
    – Kontakte nennen (je nach der Region wo man lebt, diese Kontaktadressen könnte man z.B. in seiner Praxis bereitliegen haben um sie sofort weiter geben zu können)
    – und vielleicht nach ner Zeit nochmal nachfragen

    – wenn jemand gar nicht bereit ist darüber zu sprechen, gibt es vielleicht die Möglichkeit einen Menschen aus seinem oder ihrem nahen Umfeld zu finden (z.B. Familienangehörige) und sie ins Bild zu setzen.
    – bei einem sehr konkreten Verdacht auf akute Selbstmordgefährdung kann man letztendlich die Behörden einschalten und z.B. die Wohnung/Haus/Garage öffnen lassen

    Ich hoffe meine Antwort war hilfreich.

    GLG

    Wulf

    #19870
    Monika
    Teilnehmer

    Lieber Wulf

    Herzlichen Dank für deine ausführlichen Zeilen. Finde deine Inputs sehr hilfreich und wertvoll. Danke.

    Liebe Grüsse
    Monika

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